Anstatt hier die gesamte Geschichte seit Gründung 1998 anzuführen, was vermutlich ausschließlich die interessieren dürfte, die dabei waren oder uns näher stehen/standen, wird hier eine kurze Geschichte erzählt. Eine Geschichte des Schriftstellers Wolfgang Bochert, der mit seiner "Trümmerliteratur" des Nachkriegsdeutschlands zur so genannten "Gruppe 47" zählte. Borchert starb mit 26 Jahren. Er ist in der Hamburger Gräberkolonie Ohlsdorf beigesetzt.

 

Der Schriftsteller

Der Schriftsteller muss dem Haus, an dem alle bauen, den Namen geben. Auch den verschiedenen Räumen. Er muss das Krankenzimmer "Das traurige Zimmer" nennen, die Dachkammer "Das windige" und den Keller "Das düstere". Er darf den Keller nicht "Das schöne Zimmer" nennen.

Wenn man ihm keinen Bleistift gibt, muss er verzweifeln vor Qual. Er muss versuchen, mit dem Löffelstiel an die Wand zu ritzen. Wie im Gefängnis: Dies ist ein hässliches Loch. Wenn er das nicht tut in seiner Not, ist er nicht echt. [...]

Wenn man seine Briefe in anderen Häusern liest, muss man wissen: Aha. Ja. So also sind sie in jenem Haus. Es ist egal, ob er groß oder klein schreibt. Aber er muss leserlich schreiben. Er darf in dem Haus die Dachkammer bewohnen. Dort hat man die tollsten Aussichten. Toll, das ist schön und grausig. Es ist einsam da oben. Und es ist da am kältesten und am heißesten.

Wenn der Steinhauer Wilhelm Schröder den Schriftsteller in der Dachkammer besucht, kann ihm womöglich schwindelig werden. Darauf darf der Schriftsteller keine Rücksicht nehmen. Herr Schröder muss sich an die Höhe gewöhnen. Sie wird ihm gut tun.

Nachts darf der Schriftsteller die Sterne begucken. Aber wehe ihm, wenn er nicht fühlt, dass sein Haus in Gefahr ist. Dann muss er posaunen, bis ihm die Lungen platzen!